Brief an Mussolini

 

25. August 1939

 

Duce!

 

Seit längerer Zeit standen Deutschland und Rußland in Gedankenaustausch über eine Neugestaltung der beiderseitigen politischen Beziehungen. Die Notwendigkeit, in diesem Sinne zu Ergebnissen zu kommen, wurde verstärkt

1. durch die Lage der allgemeinen weltpolitischen Situation, soweit sie für die beiden Achsenmächte entscheidend ist,

2. durch das fortgesetzte Hinausziehen einer klaren Stellungnahme des japanischen Kabinetts. Japan war wohl einverstanden zu einem Bündnis gegen Rußland, woran sowohl Deutschland als in meinen Augen Italien auch unter den obwaltenden Umständen nur sekundär interessiert sein konnten. Es war aber nicht einverstanden zu einer ebenso klaren Verpflichtung gegenüber England, und dies wäre vom Standpunkt nicht nur Deutschlands, sondern auch Italiens aus mitentscheidend gewesen. Die Behauptung der Militärs, in kurzer Zeit die Japanische Regierung zu einer klaren Stellungnahme auch England gegenüber veranlassen zu können, lag seit Monaten vor, wurde aber praktisch eben doch nicht realisiert.

 

3. Das Verhältnis Deutschlands zu Polen ist nicht durch das Verschulden des Reichs, sondern wesentlich durch das Zutun Englands seit dem Frühjahr unbefriedigend gewesen und war in den letzten Wochen einfach unerträglich. Die Nachrichten über die Verfolgung der Deutschen in diesem Gebiet sind nicht erfundene Pressemeldungen, sondern nur ein Bruchteil einer erschütternden Wahrheit. Die von Polen betriebene zollpolitische Abwürgung Danzigs, die schon seit Wochen zur vollkommenen Stillegung des gesamten Handels führt, wird bei einer zeitlich auch nur sehr beschränkten Fortdauer die Stadt vernichten.

 

Diese Gründe veranlassen mich, eine Beschleunigung des Abschlusses der deutsch-russischen Besprechungen herbeizuführen. Ich habe Ihnen, Duce, darüber im einzelnen noch nicht berichtet, weil mir sowohl der Einblick in den erreichbaren Umfang dieser Besprechungen als auch überhaupt die Gewißheit der Möglichkeit des Gelingens fehlte.

 

Nun ist in der, letzten Wochen die seit dem Weggang Litwinows zutage getretene Bereitschaft des Kremls, zu einer Neuordnung der Beziehungen zu Deutschland zu kommen, immer stärker in Erscheinung getreten und ermöglichte es mir, nunmehr nach einer bereits erfolgten Vorklärung meinen Reichsaußenminister nach Moskau zu schicken zum Abschluß eines Vertrages, der der weiteste zur Zeit bestehende Nichtangriffspakt überhaupt ist und dessen Text der Öffentlichkeit übergeben wurde. Der Pakt ist bedingungslos und umschließt außerdem die Pflicht zur Konsultation über alle Rußland und Deutschland berührenden Fragen. Darüber hinaus aber darf ich Ihnen, Duce, mitteilen, daß durch die Absprachen die wohlwollendste Haltung Rußlands im Falle irgendeines Konfliktes sichergestellt, und daß vor allem die Möglichkeit irgendeines Eingriffes Rumäniens in einen solchen Konflikt nicht mehr gegeben ist! Auch die Türkei kann unter diesen Umständen nur eine Revision der bisherigen Haltung vornehmen. Aber ich wiederhole noch einmal, daß Rumänien nicht mehr in der Lage ist, sich an irgendeinem Konflikt gegen die Achse zu beteiligen! Ich glaube, Duce, Ihnen sagen zu dürfen, daß durch die Verhandlungen mit Sowjetrußland eine vollkommen neue weltpolitische Situation entstanden ist, die als stärkster Gewinn für die Achse ausgelegt werden muß.

 

Zur Lage an der deutsch-polnischen Grenze kann ich Euer Exzellenz nur mitteilen, daß wir seit Wochen im Alarmzustand sind, daß sich steigend mit der polnischen Mobilmachung selbstverständlich auch die deutschen Maßnahmen entwickelten und daß ich im Falle unerträglicher polnischer Vorgänge augenblicklich handeln werde. Die Behauptung der Polnischen Regierung, daß sie für die unmenschlichen Vorgänge, für die zahlreichen Grenzzwischenfälle (heute nacht allein 21 polnische Grenzübergriffe), für die Beschießung deutscher Verkehrsflugzeuge - die, um die Möglichkeit von Zusammenstößen zu vermeiden, ohnehin schon den Befehl haben, nach Ostpreußen über das Meer zu fliegen - nicht verantwortlich sei, beweist nur, daß sie die von ihr aufgeputschte Soldateska nicht mehr in der Hand hat. Seit gestern ist Danzig von polnischen Truppen zerniert, ein an sich unhaltbarer Zustand. Niemand kann unter diesen Umständen voraussagen, was die nächste Stunde bringt. Ich kann Ihnen aber nur versichern, daß es irgendwie eine Grenze gibt, über die ich unter keinen Umständen zurückweichen kann.

 

Ich darf Ihnen abschließend noch versichern, Duce, daß ich in einer ähnlichen Situation das volle Verständnis für Italien aufbringen werde und Sie von vornherein in jedem solchen Falle meiner Haltung sicher sein können.“


 

Antwortbrief Mussolinis

 

25. August 1939

 

Wenn Deutschland Polen angreift und dessen Bundesgenossen einen Gegenangriff gegen Deutschland eröffnen, gebe ich Ihnen im voraus zur Kenntnis, daß es opportun ist, wenn ich nicht die Initiative von kriegerischen Handlungen ergreife angesichts des gegenwärtigen Standes der italienischen Kriegsvorbereitungen, die wir wiederholt und rechtzeitig Ihnen, Führer, und von Ribbentrop mitgeteilt haben.

 

Unsere Intervention kann indessen unverzüglich stattfinden, wenn Deutschland uns sofort das Kriegsmaterial und die Rohstoffe liefert, um den Ansturm auszuhalten, den die Franzosen und Engländer vorwiegend gegen uns richten werden.

 

Bei unseren Begegnungen war der Krieg für nach 1942 vorgesehen, und zu jener Periode wäre ich zu Lande, zur See und in der Luft fertig gewesen gemäß den verabredeten Plänen.

 

Ich bin außerdem der Meinung, daß die einfachen militärischen Vorbereitungen, die schon getroffen sind, und andere, die noch in Zukunft zu treffen sein werden, in Europa und in Afrika beträchtliche französische und britische Kräfte immobilisieren werden.

 

Ich halte es für meine unbedingte Pflicht, als loyaler Freund Ihnen die ganze Wahrheit zu sagen und die tatsächliche Lage vorher anzukündigen: Es nicht zutun, könnte unerfreuliche Konsequenzen für uns alle haben. Dies ist meine Auffassung und, da ich binnen kurzem die höchsten Organe des Regimes zusammentreten lassen muß, bitte ich Sie, mich die Ihrige erkennen zu lassen.

 

Mussolini


 

Hitlers Antwort

 

25. August 1939

 

Duce!

 

Sie teilen mir mit, daß Ihr Eintreten in einen großen europäischen Konflikt nur dann erfolgen könnte, wenn Deutschland Ihnen umgehend die kriegerischen Mittel und die Rohmaterialien gäbe, um den Anstoß auszuhalten, den die Franzosen und Engländer vorwiegend gegen Sie richten würden. Ich bitte Sie nun, mir mitzuteilen, welche kriegerischen Mittel und Rohmaterialien Sie benötigen und innerhalb welcher Zeit, damit ich in der Lage bin, zu beurteilen, ob und in welchem Ausmaß ich Ihre Anforderungen an kriegerischen Mitteln und Rohmaterialien erfüllen kann.

 

Darüber hinaus danke ich Ihnen herzlich für die mir inzwischen bekannt gewordenen militärischen Maßnahmen Italiens, in denen ich eine starke Entlastung erblicke.

 

Adolf Hitler